Ein Porträt der Freundschaft zwischen Marieluise und Alfred Eißele aus Schorndorf und Jean-Claude Bonnélye aus Tulle
1964. Die Beatles erobern mit ihrem ersten Auftritt in der Ed Sullivan Show die Herzen von Millionen. Cassius Clay, noch bevor er sich Muhammad Ali nennt, wird Boxweltmeister im Schwergewicht. In Tokio bereitet sich die Welt auf die ersten Olympischen Spiele in Asien vor. Die Welt befindet sich im Aufbruch, Grenzen beginnen sich zu öffnen; nicht nur auf den Landkarten, sondern auch in den Köpfen der Menschen.
Doch während vielerorts Optimismus herrscht, sind die Narben des Zweiten Weltkriegs noch deutlich sichtbar. Im französischen Tulle liegt das Massaker vom 9. Juni 1944 erst zwanzig Jahre zurück. Angehörige der SS hatten damals 99 Männer grausam ermordet und zahlreiche weitere Einwohner verschleppt. Im nahegelegenen Oradour waren es tags drauf sogar 643 Opfer. Kaum eine Familie blieb von den Folgen verschont.
Dass zwanzig Jahre später trotzdem eine der langlebigsten Freundschaften zwischen Schorndorf und Tulle entstehen sollte, entsteht zunächst aus einem Zufall.
Der Sommer, der alles ins Rollen brachte
Die Troubadours de Tulle zu Besuch in Schorndorf 1964 mit ihrem Tanzleiter 1. Reihe ganz rechts. Marieluise 2. Reihe 4. v. l.
1964 also macht die französische Tanz- und Musikgruppe „Les Troubadours de Tulle" auf einer Deutschlandtournee Station in Schorndorf, direkt von einem Gastspiel auf dem Stuttgarter Killesberg kommend. Empfangen wird sie von der Jugendgruppe des Schwäbischen Albvereins, deren Leiter Werner Nübel ist. Marieluise Eißele, damals noch Schiek, ist gerade 15 Jahre alt, etwas jünger als die meisten anderen in der Tanzgruppe, aber mit vollem Herzen dabei.
Ihre Eltern, beide ebenfalls im Albverein engagiert, öffnen ganz selbstverständlich die Haustür: Zwei Schwestern aus Tulle ziehen für die Dauer des Austauschs ein.
Bei einem gemeinsamen Tanzabend im Schlachthaussaal verschwindet die anfängliche Sprachbarriere schnell, auch wenn man sich, wie Marieluise es beschreibt, anfangs nur „recht und schlecht" verständigen kann. Man kommt mit allen Besuchern ins Gespräch.
Als aus Gastfreundschaft echte Nähe wurde
Marieluise (ganz links) beim Besuch in Tulle, 1965
Ein Jahr später, 1965, reist die Schorndorfer Gruppe zum ersten Mal nach Tulle. Für Marieluise ist es die erste längere Reise mit der Gruppe überhaupt. Bei einem Empfang im Rathaus spricht der stellvertretende Bürgermeister Caraminot die junge Gruppe direkt an; trotz der Schrecken, die der Krieg über Tulle und das benachbarte Oradour gebracht hatte, empfange man sie ohne Bitterkeit.
„Nous avons compris… que le peuple Allemand, dans sa grande majorité, n'avait pas voulu cela et qu'il avait été lui aussi une malheureuse victime. Et cela me permet, en tant que magistrat municipal de cette ville martyre, de vous accueillir sans amertume."
„Wir haben verstanden …, dass das deutsche Volk in seiner großen Mehrheit dies nicht gewollt hatte und dass auch es ein unglückliches Opfer war. Und das ermöglicht es mir, als Stadtverordneter dieser leidgeprüften Stadt, Sie ohne Bitterkeit willkommen zu heißen."(Ausschnitt aus der Rede vom 04.08.1965)
„Für mich waren 20 Jahre damals eine lange Zeit", sagt Marieluise über diesen Moment. „Heute erscheinen zwanzig, dreißig Jahre schnell vergangen. Mir war damals gar nicht klar, dass der Krieg erst so kurz vorbei war." Erst später, im Rückblick, wird ihr bewusst, wie viel Größe in dieser Geste lag. Zu den Gedenkstätten des Massakers – sowohl in Tulle selbst als auch im nicht weit entfernten Oradour-sur-Glane – kam die Gruppe damals noch nicht. Man war zum Tanzen dort, und für die Auseinandersetzung mit der Geschichte blieb schlicht keine Zeit. Erst sehr viel später, mit größerem zeitlichem und emotionalem Abstand, hat sich Marieluise mit den Ereignissen von 1944 wirklich auseinandergesetzt.
Dass diese Reisen überhaupt stattfanden, war zu Beginn keineswegs selbstverständlich. Marieluise erinnert sich, dass es anfangs etwas schwierig war – auf beiden Seiten war die Skepsis groß, sich zu besuchen bzw. Gäste aufzunehmen.
Zunächst verbrachte man deshalb die Zeit in Frankreich noch nicht in den Familien, lediglich für ein Mittagessen war Marieluise bei ihrem ersten Besuch in der Familie der beiden Schwestern. Stattdessen kam man im Internat unter. Und dennoch vertieft sich die Freundschaft mit den Troubadours weiter, auch abseits der offiziellen Programme.
So kommt auch Jean-Claude Bonnélye, der die Troubadours de Tulle mit seinem Akkordeon begleitet, 1966 zum ersten Mal nach Schorndorf.
„Es war ein anderes Land und eine andere Sprache, aber ich war für alles offen", erinnert er sich an diese ersten Tage. „Auch wenn es damals eine ganz andere Zeit war."
Die Troubadours waren damals größtenteils Handwerker, viele zunächst angestellt, später mit eigenem Betrieb; Jean-Claude selbst arbeitet später bei der Landwirtschaftskammer. Einige Familien in Frankreich sind eher ländlich strukturiert – ein anderes Leben als das der Schieks in Schorndorf, aber genau diese Unterschiede machen die Begegnungen so reich.
Auch kulinarisch gibt es einiges zu entdecken; und zu verdauen: Ganze Knoblauchzehen an den grünen Bohnen sorgen für Erstaunen bei Marieluise, ebenso die schiere Länge der französischen Mahlzeiten: stundenlanges Mittagessen, direkt gefolgt von einem mehrgängigen Abendessen. Der Wein fließt bei diesen Zusammenkünften großzügig. Im Gegenzug dazu aßen insbesondere einige der französischen Mädchen bei den Besuchen in Schorndorf kaum etwas, mutmaßlich weil das deutsche Essen für sie so fremd war. „Heute ist das alles anders, auch kulturell und kulinarisch sind sich Frankreich und Deutschland ähnlicher geworden", fasst es Marieluise zusammen.
Und auch die Fahrten selbst sind damals noch ein echtes Abenteuer: kaum Autobahnen, stattdessen Landstraßen, Nachtfahrten, meist mit einem längeren Zwischenstopp unterwegs.
Musik als gemeinsame Sprache
Die gemeinsamen Tage sind stets gefüllt mit Auftritten und ziehen sich bis spät in die Nacht. Danach sitzt man oft noch stundenlang zusammen, singt, lacht. „Jeder wünschte sich die Lieder des anderen", erzählt Marieluise. Die Franzosen singen ihre Heimatlieder, die Deutschen stimmen auf Wunsch immer wieder „Horch, was kommt von draußen rein" an – und Jean-Claude begleitet alles auf seinem Akkordeon. Musik wird zur eigentlichen gemeinsamen Sprache zwischen zwei Ländern, deren Geschichte damals noch von Misstrauen geprägt ist.
„Aus Fremden wurden Freunde", sagt Marieluise rückblickend. „Erst haben wir miteinander getanzt. Später haben wir uns auch unabhängig von Auftritten der Tanzgruppen immer wieder getroffen."
Der Besuch, der die Freundschaft besiegelte
Am 29. Juni 1969 wurde die Partnerschaftsurkunde offiziell in Schorndorf begründet. Um die Partnerschaften der Stadt dauerhaft zu pflegen, gründete sich 1981 schließlich der Partnerschaftsverein, und Marieluise trat bei.
Ein Ereignis, an das sowohl Marieluise als auch Jean-Claude sich bis heute gut erinnern können, ist der Sommer 1972: Vier junge Männer aus Tulle, unter ihnen Jean-Claude selbst, reisen auf eigene Faust nach Schorndorf, um dort die Ferientage zu verbringen.
Marieluises Eltern sind zu dieser Zeit selbst im Urlaub, ebenso Tante und Onkel – und erlauben den Besuch trotzdem. Zu der damaligen Zeit quasi revolutionär. Marieluise, mittlerweile Grundschullehrerin, überlässt den jungen Männern die Vormittage, nachmittags geht es gemeinsam auf Ausflüge und in die nähere Umgebung.
Im selben Jahr reist auch Alfred Eißele zum ersten Mal nach Tulle, zur offiziellen Unterzeichnung der Städtepartnerschaft. Noch übernachtet er im Hotel, doch auch für ihn beginnt von da an eine eigene, enge Verbindung zu den Familien in Tulle.
Zweimal bekommt Marieluise in dieser Zeit sogar schulfrei für ein langes Wochenende zu den weiteren Partnerschaftsjubiläen und erinnert sich noch genau, wie sie einmal sonntagnachts um drei Uhr aus Tulle heimkam, um am Montag um acht Uhr schon wieder vor der Klasse zu stehen.
Eine Freundschaft, die sich wandelt – und bleibt
Die Troubadours und die Schorndorfer treffen sich viele Male – eine Freundschaft, die der Albverein Schorndorf auf seiner Website toll dokumentiert hat.
Gemeinsamer Besuch in Paris 2014 anlässlich des 50-jährigen Jubiläums dieser Freundschaft. Ganz links: Jean-Claude Bonnélye, 1. Reihe 3. v. l. mit dunklem Hemd und Krawatte: Alfred Eißele, 2. Reihe 2. v. r.: Marieluise Eißele.
2014, fünfzig Jahre nach der ersten Begegnung, reisen mehr als zwanzig Mitglieder der Troubadours und des Albvereins gemeinsam nach Paris. Sie besuchen Versailles und den Élysée-Palast, wo die Gruppe im Salon an dem Tisch sitzt, an dem einst Madame Chirac Tee trank – ein Bild, das zeigt, wie viel gemeinsame Lebensgeschichte aus einer einzigen Jugendbegegnung gewachsen ist.
Was bleibt
v. l. n. r. Jean-Claude Bonnélye, Marieluise und Alfred Eißele, 28.06.2026
Manches an der Freundschaft hat sich über die Jahrzehnte gewandelt. Früher, erinnert sich Marieluise, warteten die Deutschen regelmäßig auf die Franzosen – Pünktlichkeit war Verhandlungssache. Heute sind die Franzosen selbst pünktlich geworden. Auch die langen gemeinsamen Nächte gibt es nicht mehr in der alten Form: Als beim letzten Besuch der Abend schon gegen 22 Uhr endet, ist Jean-Claude regelrecht irritiert – er, der sich noch an Zeiten erinnert, in denen man einfach durchmachte, weil man sich so viel zu sagen hatte.
Genau diese kleine Irritation zeigt, wie lebendig die Freundschaft geblieben ist: Sie hat sich nie in eine höfliche Förmlichkeit zurückgezogen, sondern bewahrt bis heute etwas von der Unbekümmertheit jener ersten Sommer.
Was Marieluise, Alfred und Jean-Claude heute manchmal nachdenklich macht: Die heutigen Generationen wachsen anders auf, reisen ganz selbstverständlich um die Welt, und der besondere Zauber, den das Nachbarland für ihre Generation hatte, lässt sich kaum weitergeben. Auch das Vereinsleben insgesamt hat sich verändert: Weniger Zeit, weniger Verbindlichkeit, weniger junge Gesichter. Umso mehr Wert legen sie auf das, was sie selbst noch erleben dürfen.
„Eigentlich sind solche Vereine wichtiger denn je", sagt Marieluise am Ende des Gesprächs. „Sie schaffen Begegnungen. Und genau daraus entstehen Freundschaften wie unsere mit Jean-Claude. Wir gehören inzwischen zur Familie des anderen – in Schorndorf wie auch bei den ehemaligen Troubadours de Tulle."
Für das spannende Gespräch und die persönlichen Einblicke dankt Désirée Schwarz.